Story Wir hatten uns in einem Restaurant zum jährlichen Mannschaftsessen eingefunden, als Jägerfotos Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nach Musterung der eingerahmten Bilder wollte es einer meiner Fussballkameraden wissen: «Haben die das nötig?», fragte er in die Runde. Dass er keine Antwort auf die Frage erwartete, war mir recht. Denn, was er nicht wusste: Ich hatte mich während der Saisonpause selber zum Jagdlehrgang angemeldet. Bock hatte ich trotzdem nicht, eine Diskussion über die Jagd anzuzetteln. Schliesslich hatte ich keine Ahnung von der Jagd. Und nichts Schlimmeres als eine Diskussion unter Ahnungslosen! Also hielt ich mich bedeckt. Gut zehn Jahre ist es heute her und allzu oft erinnerten mich Gespräche an den Kommentar der Jägerfotos an der Wand des Restaurants. Nur waren sie nie mehr so treffend ehrlich, wie damals, als ich einen unzensurierten Einblick in die Gedanken eines Nicht-Jägers erhielt. Mittlerweile glaube ich trotzdem zu wissen, wie er zu seinem Urteil kam. Bei den Jägerfotos handelte es sich um Erinnerungsbilder. Personen, die die betreffende Jagd nicht miterlebt haben, können auch die Erinnerung nicht teilen. Sie sehen nur das Ergebnis der Jagd. Stolze Jäger, die sich über die gemachte Beute freuen. Ohne eigene jagdliche Erfahrung, mit welcher man sich zumindest in die Situation hineinversetzen kann, bleibt ein grosser blinder Fleck. Das Urteil ist rasch gefällt. Eine andere Aussage eines ehemaligen Militärkameraden hinterliess ebenfalls einen bleibenden, wenn auch nicht guten, Eindruck. Es ging ums Schiessen und die Frage, ob man auf Menschen schiessen könnte, wenn es denn erforderlich wäre. Diese nicht speziell auffällige Person kam zum Schluss, dass er wohl weniger Mühe hätte, auf einen 200 Meter entfernten Menschen zu schiessen als auf ein Reh, das 50 Meter weit weg ist. Wiederum frage ich mich, wie er zu seiner Aussage kommen konnte. Abgesehen davon, dass ihm genügend Distanz Skrupel zu nehmen schien, vermute ich, dass er wenig übrig hatte für seine Mitmenschen. Seiner Meinung nach macht der überzählige Mensch ohnehin nur die Welt kaputt. Und im Gegensatz zum Menschen ist das Reh gänzlich unschuldig. Was ihn zur Konsequenz führte, dass das Reh verschont werden muss, die Jagd aber gehöre abgeschafft. Doch etwas bleibt ihm, selbst nach Abschaffung der Jagd: Die Verachtung der Menschheit und damit seiner eigenen Selbst. Im Frühsommer 2016 wurde ich gefragt, ob ich mich im Vorstand des Patentjägervereins Nidwalden engagieren möchte. Sie suchten einen neuen Aktuar. In einem Nebensatz schnappte ich auf, dass der Verein 2019 sein 100-jähriges Bestehen feiern werde. Vorerst dachte ich mir nichts dabei. Bis ich mich ein paar Tage später an Nicht-Jäger und Autor Christian Hug erinnerte, welcher schon immer gerne ein Wildererbuch gemacht hätte. Doch wir merkten rasch: An wahre Wilderergeschichten kommt man fast nicht ran. Zudem schien uns die Affiche auch nicht gerade geeignet für ein Jubiläum eines Jägervereins. Wiederum einige Tage später hatte Christian eine andere Idee. Wir trafen uns umgehend zum Kaffee in der Linde in Stans. Von da an war alles klar. Wir machen ein Jägerbuch. Ein Buch, das mehr zeigt als die Jägerfotos an der Wand des Restaurants. Wir zeigen, was davor passiert und was danach noch kommt. Und warum wir gescheiter etwas besser mit unserer Welt und unseren Mitmenschen umgehen, als die schrecklich schöne Jagd abzuschaffen. Doch der Glaube schwand, dass wir die finanziellen Mittel – die Sprache war von 150‘000 Franken – aufbringen könnten. Ich versuchte trotzdem alles, um die Idee zum Durchbruch zu bringen. Die Hochjagd 2016 wollten ich genutzt haben, um das Vorhaben auf dessen Umsetzbarkeit zu testen. Ich ging selber zur Jagd und hatte deshalb keine Zeit, mich weiter darum zu kümmern. Und als die Jagd vorüber war, die Ernüchterung: Kein Testlauf, der stattfand. Wir traten an Ort. An diesem Punkt angelangt, gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder selber in die Hosen. Ich entschied mich für die zweite Variante und kaufte mir eine eigene Kameraausrüstung. Ohne bezahlten Fotografen sollte sich ein beträchtlicher Teil der Kosten reduzieren lassen – so dachte ich zumindest. Ein gutes Auge wurde mir schon immer, auch damals, als ich noch Fussball spielte, attestiert. Darüber machte ich mir also keine Sorgen. Mit zunehmendem Engagement meinerseits – ich machte mir Gedanken zum Inhalt, zum Layout, zur Vermarktung – beeinträchtigte ich jedoch je länger desto mehr den Gestaltungsspielraum von Christian Hug und seinem Partner, welcher fürs Layout zuständig war. Ich versuchte meine Überlegungen in den Hinterkopf zu verbannen, um ihnen den nötigen Platz zur Entfaltung zu schaffen und wollte mich aufs Fotografieren konzentrieren. Mein Wille zur Zusammenarbeit mit einem Nidwaldner Jäger, der gut und gerne mit Bleistift zeichnet, brachte das Fass trotzdem zum Überlaufen. Ich konnte die Erfüllung Christian Hugs Erwartungen an die für einen Autoren wichtige Gestaltungsfreiheit nicht mehr gewährleisten. Er zog sich aus dem Projekt zurück und mit ihm sein erfahrener Layouter. Und ich? Ich sah das Projekt den Bach hinunter gehen. Denn im Gegensatz zum Fotografieren, traute ich mir nicht zu, ein Buch zu schreiben. Bis mir bereits am darauffolgenden Morgen sämtliche in den Hinterkopf verbannten Überlegungen wieder hochkamen und ich merkte, dass mich die Idee von diesem Jägerbuch längst infiziert hatte. Ich wusste, dass sie mich nicht mehr in Ruhe lassen würde, bis ich sie umgesetzt habe. Und dass ich es das Leben lang bereuen würde, wenn ich diese einmalige Gelegenheit ungenutzt verstreichen liesse. Ich erkundigte mich bei den übrigen Teamkollegen, dem Drucker und dem Zeichner, ob sie nach wie vor dabei seien. Und das waren sie. Drei Nidwaldner Jäger mit einem Ziel. Ein Jagdbuch, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Christian bin ich heute dankbar, dass er mich damals ins kalte Wasser geworfen hatte. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass mir ein Buch zu schreiben Freude bereiten könnte. zurück